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Bertolt Brecht: Die Vögel warten im Winter vor dem Fenster

Bertolt Brecht: Die Vögel warten im Winter vor dem Fenster

Ich bin der Sperling.

Kinder, ich bin am Ende.

Und ich rief euch immer im vergangenen Jahr,

Wenn der Rabe wieder im Salatbeet war.

Bitte um eine kleine Spende.

Sperling, komm nach vorn.

Sperling, hier ist dein Korn.

Und besten Dank für die Arbeit!

Ich bin der Buntspecht.

Kinder, ich bin am Ende.

Und ich hämmere die ganze Sommerzeit,

All das Ungeziefer schaffe ich beiseit.

Bitte um eine kleine Spende.

Buntspecht komm nach vurn.

Buntspecht, hier ist dein Wurm.

Und besten Dank für die Arbeit!

Ich bin die Amsel.

Kinder ich bin am Ende.

Und ich war es, die den ganzen Sommer lang

Früh im Dämmergrau in Nachbars Garten sang.

Bitte um eine kleine Spende.

Amsel, komm nach vorn.

Amsel, hier ist dein Korn.

Und besten Dank für dieArbeit!

Aufgaben:

  1. Erkläre das Reimschema der drei Strophen. [Wenn ein Vers nicht reimt, spricht man von einer Waise, d.h. man vergleicht diese reimlose Zeile mit einem Kind, das keine Eltern mehr hat. Die Bezeichnung dafür im Reimschema ist ein kleines -w-.]

  2. Versuche das Versmaß zu bestimmen.

  3. Am Ende jeder Strophe stehen drei Zeilen, die fast gleich sind. [Man spricht hier von einem Refrain = Kehrreim, d.h. einem wiederkehrenden Reim.] Kannst du dir denken, was dieser Refrain bewirken soll?

  4. Die Vögel haben gemeinsam, dass sie relativ klein und schwach sind. Kannst du erklären, warum sie von Brecht in diesem Gedicht zu den Hauptpersonen gemacht werden? Worauf könnte Brecht mit der Wahl gerade dieser (kleinen, schwachen) Tiere hinweisen wollen?

  5. Schreibe auf, was die Vögel im Einzelnen tun und worin sie sich unterscheiden. Achte dabei vor allem auf die Tätigkeit der Amsel. (Worin unterscheidet sie sich von den beiden anderen Vögeln?)

Modell-Interpretation von „Die Vögel warten …“

  1. Erkläre das Reimschema der drei Strophen: Die erste und die letzte Zeile dieses Gedichtes reimen nicht, sind also Waisen. Das Reim-schema sieht damit so aus: w – a – b – b – a – c – c – w ; der a-Reim ist dabei weiblich (oder klingend), die b- und c-Reime sind männlich (oder stumpf).

  2. Versuche das Versmaß zu bestimmen: In diesem Gedicht gibt es kein regelmäßiges Versmaß. Vielmehr werden Daktylen und Tro-chäen (= Mehrzahl von Daktylus und Trochäus) im Wechsel verwendet. Bei dem folgenden Schema steht „b“ für eine betonte, „u“ für eine unbetonte Silbe:

b – u – u – b – u

b – u – b – u – u – b – u

b – u – b – u – b – u – u – u – b – u – u – b

b – u – b – u – b – u – u – u – b – u – b

b – u – b – u – b – u – b – u

b – u – b – u – b

b – u – b – u – u – b

u – b – u – b – u – u – b – u

  1. Am Ende jeder Strophe stehen drei Zeilen, die fast gleich sind. Kannst du dir denken, was dieser Refrain bewirken soll? Offenbar ist dem Schriftsteller diese Aussage besonders wichtig. Deshalb wiederholt er sie am Ende jeder Strophe. Er will damit sagen, dass jede Arbeit, die für die Menschen geleistet wird, angemessen entlohnt werden muss. Durch die Wiederholungen wird auch bewirkt, dass sich der Inhalt dieser Zeilen besonders gut einprägt. [Bei Volksliedern gibt es auch oft einen Refrain, womit derselbe Zweck verfolgt wird.]

  2. Die Vögel haben gemeinsam, dass sie relativ klein und schwach sind. Kannst du erklären, warum sie von Brecht in diesem Gedicht zu den Hauptpersonen gemacht werden? Worauf könnte Brecht mit der Wahl dieser (kleinen, schwachen) Tiere hinweisen wollen? Oft werden „große“ (= bedeutende) Männer und Frauen genannt und besonders herausge-stellt und gelobt. Wenn Brecht hier ausgerechnet die kleinen und schwachen Vögel sprechen lässt, will er damit sagen, dass diese auch einen Beitrag zum Wohl der Menschen leisten. [Man kann auch sagen: sie leisten einen Beitrag zum Wohl der Gesellschaft.] Brecht macht darauf aufmerksam, dass auch die Kleinen und Schwachen, die ja zahlenmäßig viel mehr sind als die Großen und Mächtigen, für die Gesellschaft wichtig sind und nicht vergessen werden dürfen. Ohne die Arbeit der unzähligen Kleinen und Schwachen wäre das Leben der Menschen gar nicht möglich. Die Großen und Mächtigen, die in den Geschichtsbüchern immer genannt werden, hätten ihre großen Taten ohne die Mithilfe der vielen Kleinen gar nicht vollbringen können.

  3. Schreibe auf, was die Vögel im Einzelnen tun und worin sie sich unterscheiden. Achte dabei vor allem auf die Tätigkeit der Amsel. (Worin unterscheidet sie sich von den beiden anderen Vögeln?) Der Sperling (oder der Spatz) übernimmt die Aufgabe, die Hausbewohner vor größeren Vögeln zu warnen. Hier ist es der Rabe, der Schaden im Salatbeet anrichtet. Der Buntspecht ist nützlich, weil er die Schädlinge frisst und damit Schaden von den Menschen abwendet. Im Ge-gensatz dazu heißt es von der Amsel, dass sie „früh im Dämmergrau in Nachbars Garten sang“. Man könnte meinen, dass sie dadurch die Menschen gestört hätte, weil sie so früh von ihrem Gesang geweckt wurden. Aber der Gesang der Amsel klingt sehr schön, womit Brecht uns daran erinnern will, dass auch das Schöne zum menschlichen Leben gehört. Man kann nicht immer nur an das Nützliche denken, sondern muss sich auch an schönen Dingen erfreuen können. Als Bei-spiel dafür steht die Amsel.

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Erster Testbeitrag!

Mit Bild: IMG_1879

Und PDF-Datei:    Dolmadakia

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